Die Coronapandemie läßt interessante, gesamtgesellschaftliche Tatsachen erkennen. Wie im letzten Blog-Beitrag illustriert, kann eine gesamtgesellschaftliche Orientierung am Geld und Konsum – in all den verschiedenen Ausprägungen – beobachtet werden. Während ich im letzten Blogbeitrag für die persönliche emotionale Beobachtung und der Akzeptanz des Individuums dieser Gefühle (v.a. Ängste) geworben habe, beschäftigt sich dieser Blogbeitrag mit den Offensichtlichkeiten der Werte unserer Gesellschaft.

Der zweite Lock-Down, der ja lediglich eine „abgespeckte“ Version des ersten im April/Mai 2020 darstellte, förderte erneut die kommerzielle Wertsetzung aus den Tiefen des gesamtgesellschaftlichen Unterbewußtseins zu Tage: All diejenigen, die mit dem Zusammentreffen von Menschen Geld verdienen, behaupteten: In Fußballstadien stecken sich keine Besucher auf den Tribünen an, in Hotels und Gaststätten kommt es nicht zur Ansteckung und (höchstwahrscheinlich) wird dieses dann auch von den Weihnachtsmärkten und Geschäften ab Anfang Dezember angenommen. So trifft der derzeitige zweite Lock-Down besonders diejenigen, deren Werte eher nicht-kommerziell sind: Sportvereine im Breitensport, kulturelle Einrichtungen, Künstler. Das System schützt sich (wieder einmal) selbst.

Werte und Ziele

Bedürfnishierarchie Maslow 1970
( (c) P.Guttmann wikipedia.de)

So wie jeder Einzelne Ziele im Leben und persönliche Werte hat, so hat auch die Gesellschaft als Ganzes – als Kollektiv – gemeinsame Ziele und Werte. Im Gegensatz zum Individualprozess ist dieser gesellschaftliche Vorgang den einzelnen Mitgliedern dieses „Super-Organismus´“ nicht direkt bewußt. Erkenntnisse aus der Individualentwicklung gelten allerdings dennoch und können genutzt werden, um „vom Kleinen auf das große Ganze“ schließen zu können. Ein solches Instrument, zur Erfassung von Entwicklungszielen im individuellen stellt die Bedürfnispyramide nach Maslow dar.

Was mag es wohl sein, das Entwicklungsziel unserer Gesellschaft? Die Entwicklung der Gesellschaftspsyche, das ist klar, wird getragen von den einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft. Ebenfalls klar ist, das es sich um eine Aufgabe handelt, die sich über viele Generationen hinzieht. Krisen sind ein Meilenstein in der persönlichen psychischen Individualentwicklung. Anhand von Krisen lassen sich „Soll-Ist“- Abgleiche machen, Probleme werden „in den Fokus“ gerückt und Lösungen erarbeitet – das nennt man dann Psychotherapie. Doch wie sieht es mit der Gesellschaft als großes Ganzes aus?

Eine klare Aufgabe….

Ein Blick läßt erkennen: Die Vor-Corona-Zeit war geprägt von der Arbeit an Kollektiv-sozialen Bedürfnissen mit Übergang zu Individualbedürfnissen des Kollektivs. In der Krise verschwanden die jungen (und damit noch nicht so fest verankerten) Strömungen: Fridays for future, die Debatte um das Grundeinkommen und die Arbeit an sozialer Absicherung. Während der Krise kann bis heute eine Wandlung in der Thematik des öffentlichen Diskurses beobachtet werden: Sicherheits- und Physiologische Bedürfnisse treten wieder in den Vordergrund. So war der Applaus an den Balkonen nur eine kurzfristige Anerkennung für diejenigen, die Helfen. Zunehmend treten wieder ökonomische Bedürfnisse (also Versorgung, materielle Sicherheit) in den Vordergrund. An dieser Stufe „arbeitet“ unsere Gesellschaft seit mindesten 150 Jahren – also eine vergleichsweise kurze Zeit. Gleichzeitig wird klar, warum im Moment der Krise Bildung und Kultur sowie soziales Miteinander keine Rolle spielen: Diese Errungenschaften konnten noch nicht in den Gesamtgesellschaftlichen Kontext eingefügt werden. Dieses wird erst möglich sein, wenn es kollektiv gelungen ist, den lauten Schrei nach Sicherheit – ökonomisch wie sozial – verstummen und die Einsicht einkehren zu lassen, dass es einfach Dinge gibt, die wertvoller als jede Ökonomie ist. Ökonomie ist lediglich eine notwendige Basis, die gesellschaftliche Entwicklung ermöglicht. Der Mittel zum Zweck darf dabei nicht zum Selbstzweck werden. Dieses in jeden Einzelnen von uns bewusst zu machen ist die eigentliche Aufgabe, die wir gemeinschaftlich in dieser Zeit bewältigen müssen!