Kennen Sie das? Sie haben einen Gedanken, zögern noch den auszusprechen und, wie durch ein Wunder, kommt eine Bekannte auf die selbe Idee. Oder ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass sich einige Lieder in Sequenzen täuschend ähnlich sind – immer wieder mal streiten dann die Pop-Größen um etwaige Plagiatsvorwürfe. Oder haben Sie es persönlich schon einmal erlebt, dass Sie „eine Ahnung“ hatten bezüglich einer nahestehenden Person?

Wir alle sind miteinander in der Tiefe unserer Psyche verbunden. Desweiteren können wir, wenn diese tiefe Ebene ins Bewußtsein gelangt ist, mit anderen „Feldern“ bewußt in Kontakt treten. Oftmals geschieht dieses aber eher unbewußt. Bereits in den 1920er Jahren hat der Psychoanalytiker und Arzt C.G. Jung diesen Umstand beschrieben. In den 1980er Jahren war es Rupert Sheldrake, der sich mit diesem Phänomen beschäftigt hat. Seitdem sind viele Untersuchungen durchgeführt worden. Einige Experimente haben es, aufgrund der Eindrücklichkeit, sogar bis auf Laienebene in die Medien geschafft. Eine gängige Übung zur Selbsterfahrung dieses Phänomens ist der Joint Attention Test von Rupert Sheldrake.

Was bei Jung als „kollektives Unbewußte“ beschrieben wird, heißt bei Rupert Sheldrake „morphogenetisches Feld“. Die Kenntnis um dieses, alles verbindende Netz in den Tiefen unserer Psyche, war schon in der Vorzeit in allen Kulturen bekannt. Heute noch findet sich der direkte und natürliche Zugang zu dieser Ebene im östlichen Raum sowie bei den wenigen verbliebenden Naturvölkern.

Das kollektive Unbewußte beherbergt alle die Inhalte, die für alle Menschen gleich gültig sind: Dazu gehören zum Beispiel die Ideen von Helden, von Geistern und zahlreiche Symbole, die alle Menschen mit ähnlichen Bedeutungen versehen. Einen Zugang finden wir in Heldenmythen (vom Drachentöter bis Superman), in der Figur des Zauberers (vom Hexentum bis Harry Potter) und in Märchen und Naturmythen. Dabei wechseln die Begriffe, je nach Kulturkreis, nie aber die Figuren und Symbole selbst.

Kinder sind stark mit kollektiven Inhalten identifiziert. Schreitet die Entwicklung voran, trennen Sie sich von diesen Inhalten: Sie finden dann Superman toll, aber ohne Superman zu sein! (c) PublicDomainPictures by pixabay.de

Psychologisch bezeichnet das kollektive Unbewußte eine Ebene, auf deren Basis wir unsere Persönlichkeit entfalten. Aus dem Kollektiv schöpfen wir in Phantasien und Imaginationen. Der Inhalt selbst ist kollektiv, die Individualität beginnt dann in uns mit dem Prozess der Deutung: Wir wissen zwar alle, was ein Held ist, haben aber jeweils auch individuelle Vorstellungen davon. Im kollektiven Unbewußten finden sich auch die Ideen, also nicht das Konkrete, sondern das idealisierte Abbild unserer Umwelt. WIr haben alle (weitestgehend die gleiche) Idee, was eine Mutter ist – sind uns aber im Klaren, das in der Realität eine bestimmte Mutter (nämlich unsere!) auch ganz anders sein kann. Oft sehen wir Dinge anders, als sie sich objektiv darstellen. Wenn wir idealisieren, sind wir an der kollektiven Idee verhaftet und haben keine Wahrnehmung mehr für das Individuelle.

Ein gängiges Beispiel findet sich im Volksmund: „Liebe macht blind“ lautet das Sprichwort, das bezeichnet, dass wir im Zustand des Verliebt seins keine Wahrnehmung für die objektive Darstellung des anderen Menschen haben: Wir sehen in ihm / ihr lediglich den Prinz, die Prinzessin oder den Helden. Aber nicht den individuellen Menschen mit seinen Stärken und Schwächen. Es ist die Verhaftung im kollektiven Unbewußten, ohne das uns dieser Vorgang selbst bewußt wäre! An diesem Beispiel zeigt sich auch die Macht einer solchen Anhaftung: Selbst engste Freunde und Angehörige vermögen es nicht, den / die Verliebten davon und voneinander abzubringen! Oft braucht es ein „böses Erwachen“ um von dieser Verhaftung loszulassen! Im Alltag begegnen uns weitere Beispiele: Menschen, die der kollektiven Idee des Paradieses verhaftet sind, suchen ein Leben lang (erfolglos) nach Atlantis, Utopia oder anderen mythischen Orten oder finden „paradiesische“ Zustände in den Ideologien der großen Glaubensgemeinschaften oder kleiner Lebensgemeinschaften mit spezieller Ausrichtung. Andere suchen nach dem „heiligen Gral“ oder dem „Rheingold“ – der sagenumwobene Schatz, der in seiner materiellen Entsprechung bis heute bestenfalls verschollen bleibt. Der „Schatz“ ist ebenfalls eine kollektive Idee, ein Inhalt des kollektiv Unbewußten – diese kollektiven Ideen, werden als Archetypen und die objektgebundenen Verkörperungen einer Idee als Symbol bezeichnet.

Mit zunehmender Bewußtwerdung dieser Vorgänge gelingt es uns dann, sich vom Kollektiv zu lösen und auf dieser Basis dann das Eigene, Individuelle zu entfalten! Dabei wird – mit zunehmender Ablösung – diese tiefe kollektive Persönlichkeitsschichtzur Ressource, aus der sich schöpfen läßt – ohne dabei aber zur Idenfitkation (was einem Identitätsverlust gleichkäme) zu werden!

Eine kurze Praxisübung:

Was denken Sie über Engel oder Schamanen? Googeln Sie mal mit Ergänzung des Ortes, an dem Sie wohnen! Sowohl Engel als auch Schamanen/Heiler sind Archetypen. Sie tauchen immer dann vermehrt im gesellschaftlichen Bewußtsein auf, wenn die Zeiten unsicher sind. Es ist auch nichts dagegen einzuwenden, sich den inneren Heilern / Engeln hilfesuchend anzuvertrauen – dann sind Sie distanziert vom kollektiven unbewußten Inhalt. Aber Sie werden staunen: Es gibt tatsächlich Menschen, die sich für echte Schamanen oder „Eingeweihte“ von Engels“energien“ halten! Was denken Sie? Wobei hilft diese Anhaftung? Was veranlasst Menschen, ihre Identität in dieser Schicht der Persönlichkeit zu suchen bzw. anzuhaften?

Ich bin gespannt auf Ihre Kommentare!