Schnell reden wir vom Unbewußten der dem Unterbewußtein. Doch worum handelt es sich da genau? Die Existenz dieses Anteils der Persönlichkeit wird allgemein nicht angezweifelt, die Funktionen des Unbewußten können im Alltag beobachtet werden: Inhalte werden vom Bewußtsein ins Unbewußte verlagert, teils aus Entlastung, teils aus Gründen der Ökonomie: Ist ein psychischer Inhalt schweriegend und kann nicht vom Individuum selbst bewältigt werden, besteht die Möglichkeit, diesen belastenden Inhalt aus dem Alltagsbewußtsein auszugliedern und in das Unbewußte „zu verdrängen“. Damit ist dieser Inhalt keineswegs weg, noch nicht einmal bewältigt – sondern einfach nur verdrängt. Das passiert jeden Tag, mal mehr und mal weniger. Verdrängung ist ein ganz gesunder Mechanismus, denn nicht alles muss spezifisch bewältigt werden. Im Falle der täglichen Kleinigkeiten ist das nur ökonomisch. Nach und nach wird das Unbewußte im Traum diese Inhalte Deuten, Sortieren und damit Bewältigen. Sind die Inhalte so mächtig, dass diese Bewältigungsstrategie nicht gelingt, so werden diese Erlebnisse als komplette Episode abgespeichert bzw. deponiert.

„Du hast doch Komplexe!“

Diesen Ausspruch kennen wir alle. Der Volksmund bezeichnet hier ein Charakteristikum des Unbewußten: Es ist der Ort, der Komplexe, die wir alle haben. Im Gegensatz zum Volksmund ist das aber eine neutrale Bezeichnung für Erlebnisse, die (meist aufgrund fehlenden geistigen Möglichkeiten in der Kindheit – oder später im Leben, wenn die Schwere eines Ereignisses die inidividuellen Bewältigungsmöglichkeiten überfordern) die als Episode deponiert wurden und in der Tiefe schlummern. In ihnen steckt noch die ganze psychische Kraft und Wucht, die aus dem Unbewußten heraus unsere Sicht- und Reaktionsweisen mitbestimmen. Der Begriff „Komplexe“ stammt aus den psychoanalytischen Betrachtungen C.G.Jungs, in neueren tiefenpsychologisch orientierten Schulen wird stattdessen von „Konflikten“ gesprochen (Rudolf , Wöller, Kruse et al.). Beides bezeichnet den selben Inhalt. Komplexe bzw. Konflikte entstehen naturgemäß v.a. in der Kindheit – Kinder müssen erst noch durch Interaktion mit der Umwelt den psychischen Apparat entwickeln und verfügen noch nicht von Anfang an über ausreichende Bewältigungsstrategien. Je nach Entwicklungstand und Lebensalter kann das spezifische Auftreten von Komplexen bzw. Konflikten beobachtet werden.

Komplexe vs. Konflikte

Noch einmal möchte ich an dieser Stelle betonen, dass es sich bei diesen Vorgängen um einen ganz normalen und gesunden Ablauf handelt. Es ist sogar nötig, Komplexe auszubilden, um die psychische Entwicklung nicht in einem frühen Lebensalter stagnieren zu lassen! Das Kind lernt dabei zunehmend Bewältigungsstrategien, die später im ganzen Leben wirken und Früchte tragen werden! Daraus wird klar, das eine überbehütete Kindheit, in der den Sprößlingen alles abgenommen bzw. diese von allem „Übel“ ferngehalten werden, eben nicht zuträglich für die Entwicklung einer belastungsfähigen Psyche ist. Die elterliche Kunst besteht vielmehr darin, zu beobachten. Einschreiten bzw. helfen sollten Eltern erst dann, wenn das Kind alleine nicht zurecht kommt! Dabei lernt das Kind durch Beobachtung und sieht, wie die Eltern mit dem Problem umgehen. Beim nächsten Mal wird es dann selber diese oder eine ähnlich gelagerte Schwierigkeit in Angriff nehmen können!

Jung differenziert Komplexe nach positiven und negativen sowie nach Ursprung (je nach dem: Vater oder Mutter). Dabei stellt er klar, dass es sich bei dem jeweiligen Komplex nicht um die tatsächliche Figur handelt, sondern eher um ein Abbild (Imago), dass die jeweilige Person hinterlassen hat. Jeder von uns trägt also negative / positive Vater UND Mutterkomplexe in sich!

Etwas differenzierter stellt sich Betrachtung der Konflikte dar, wie sie Rudolf vornimmt. Je nach Entwicklungsphase werden die Grundkonflikte durchlaufen: 1) der Nähe (6 Monate) 2) der Bindung (7.Monat bis 2. Lj) 3) der Autonomie (2. bis 3. Lj.) und der Identität (3. bis 6.Lebensjahr). Wird die Entwicklungsaufgabe gemeistert und der Konflikt bewältigt ist alles gut. Kann ein Konflikt nicht oder nur schwer bewältigt werden, verbleibt dieser im Unbewußten und kann später erneut in Erscheinung treten, bzw. aktualisiert werden.

Ressourcen = positive Komplexe

Aber auch später im Leben können noch Konflikte bzw. Komplexe auftreten. Der lebensgeschichtlich frühe Umgang mit den Grundkonflikten bestimmt dann aber häufig die Reaktionsweise im aktuellen Konflikt. Das Unbewußte ist aber nicht nur ein Sammelbecken für vielfältige Konflikte, sondern beherbergt auch Ressourcen bzw. positiv bewältigte Konflikte die auch als positive Komplexe beschrieben werden können. Diese Ressourcen sind es, die hilfreich bei aktuellen Konflikten bei der Bewältigung sind und helfen können.