Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Ich mache mir in regelmäßigen Abständen intensiv Gedanken zum „Wer bin ich?“ und „Möchte ich das sein, was ich bin“ und „Bin ich etwas oder denke ich nur etwas zu sein?“

Definition

Die Identität umschreibt im Volksmund die Persönlichkeit, die Summe aller Merkmale, die einen Menschen einzigartig werden lassen. Aber was genau verbirgt sich dahinter? Das ethymologische Wörterbuch verzeichnet unter „Identität“: völlige Übereinstimmung, Gleichheit, Wesenseinheit.

Identität ist nicht einfach gegeben: Wir können aktiv an der Ausgestaltung mitarbeiten und Identität ist – auf Lebensspanne gesehen – veränderlich. Oder? Die völlige Gleichheit aller Teile im Inneren, die Einheit des Wesens als Definition läßt berechtigte Zweifel aufkommen. Einige Bestandteile sind uns gegeben (z.B. die Seele), andere Anteile können wir uns erwerben (z.B. sozialer Status). Identität fordert nun die Gleichheit aller Anteile. Das heißt: Nach Außen genau das zu sein, was wir im Inneren sind, denn das innerste Selbst – die Seele -ist unveränderlich und stabil, wir haben die Wahl: Entweder im Einklang – in Harmonie – zu leben oder das Leben als äußerlicher Vorgang anderen Regeln zu unterwerfen, als die Seele es erfordert. Entgegen der heutigen Einstellung zum Leben ist es uns nicht möglich, durch eine gewisse äußerliche Lebensweise unser innerstes zu verändern! Und wie oft leben wir gegen unsere Natürlichkeit? Es ist eine Frage der Bewußtheit: Die eigene Identität zu erkennen und optimal durch Handlung auszuformen erfordert die Erkenntnis der eigenen Seele. Sich der eigenen Seele bewusst zu werden heißt aber auch, sich von der Vorstellung zu verabschieden, das alle Menschen gleich sind! Das Gegenteil ist der Fall: Wir sind alle verschieden und haben zwar in unserer Gesellschaft alle die gleichen Chancen, aber eben nicht alle die gleichen inneren Möglichkeiten. Uns unterscheidet eben der Grad der Bewußtheit voneinander. Nur wenn wir bewußt sind, können wir das Leben leben, das wir leben wollen – andernfalls leben wir nur das Leben, was wir bestenfalls denken leben zu wollen und geraten früher oder später in Verstrickungen: Oft sind die sozialen Erfordernisse gefühlt überbordend, wir versuchen allen gerecht zu werden und vernachlässigen uns in sträflicher Weise. Oft wird das erst nach vielen Jahren und Jahrzehnten eines „guten“ Lebens erfahrbar.

Ein Haufen Flöhe – Persönlichkeitsanteile

Dabei kommt es allmählich zur Zersplitterung der Persönlichkeit: Psychische Inhalte, die uns keine sozialen Vorteile zu bringen scheinen werden abgespalten und verdrängt. C.G. Jung nennt diesen Bereich der Persönlichkeit den Schatten, der alles das enthält, was peinlich und schambesetzt ist. Unsere Gesellschaft fordert verschiedene „Gesichter“ von uns: Zu Hause in der Rolle des Familienmenschen, im Betrieb die Rolle eines „nur“ Angestellten, im Verein wieder etwas anderes. Dabei kommt es zunehmend zu inneren Spannungen, denn oft genug entfernen sich mit zunehmendem Lebensalter diese Positionen voneinander und stellen uns manchmal vor immer breiter werdende Gräben. Die Psyche bemüht sich um Stabilität und baut Brücken – manches mal ein Leben lang und es läßt sich durchaus gut damit leben. Andere Menschen merken aber, das mit zunehmendem Alter sich die Persönlichkeit soweit ausgedehnt hat, so viele Fixpunkte bekommen hat, das einfaches Brückenbauen nicht mehr hilft. Wenn die Seele die Freiheit der Ausdehnung der Persönlichkeit spürt, möchte sie diese Freiheit nutzen und quasi fliegen! Reflektorisch hält der Mensch dann fest, erkennt aber dabei, das bei Fixierung eines Punktes im Leben andere Aspekte unerreichbar werden, was wiederum erneute Spannungen erzeugt, die kaum mehr zu beherrschen sind. Klinisch entsteht das Bild einer Depression und häufig um die Lebensmitte herum.

Denken wir was wir sind?

Das, was die meisten Menschen unter Identität verstehen, ist das was sie sich denken sein zu wollen. Dabei werden verschiedene Identitäten wie Kleidungsstücke behandelt: Sie werden erworben (üblicherweise gekauft) angezogen, getragen und je nach Typus Mensch hin und wieder gewechselt. Manch einer neigt zum Sammeln, ein anderer trennt sich rigoros von Vergangenem. Unsere Gesellschaft trägt diesem Grundbedürfnis nach Identität Rechnung: Zahlreiche Kurse werben mit dem Erwerb von Identitäten, insbesondere im spirituellen Bereich ist das Angebot unüberschaubar! Und man kann da alles mögliche „erwerben“: Schamanen, Hexen, Heiler vielfältiger Couleur aber auch Krieger, Kämpfer, Dichter und Denker, Lehrer…… die Liste kann beliebig fortgesetzt werden. Aber können wir Identität im Sinne von Einheit in Kursen erwerben und mit Diplomen nachweisen? Die Antwort ist einfach: Es hängt vom Grad der Bewußtheit ab! Wenn uns bewußt ist, das wir gerne etwas wären, was wir nicht sind – dann können wir gerne aus der Selbsterkenntnis eines inneren Mangels uns mit dem ein oder anderen Angebot weiterentwickeln. Dabei steht die Erkenntnis dessen, was nicht ist, im Vordergrund und gibt den Anstoss zur zielgerichteten Entwicklung. Wenn wir uns aber bewußt sind, tatsächlich durch das Absolvieren einer Ausbildung zum Heiler ein Heiler zu sein, verstricken wir uns unbewußt und definieren unsere „Persönlichkeit“ als unpersönlichsten Moment überhaupt, denn solche Menschen sind im kollektiven Unbewußten verhaftet und haben sich mit diesem Inhalt identifiziert. Die eigene Identität wird in diesen Fällen dem Kollektiv untergeordnet bzw. geopfert. Denn all diese Qualitäten stecken in uns allen: der Heiler, der Kämpfer und Lehrer – hier kann nicht von Persönlichkeit und damit von Identität gesprochen werden, denn diese Einheit bezieht die individuelle Qualität der Seele nicht mit ein!

Identitätsfindung als Lebensaufgabe

Identität ist die Einheit aus Kenntnis der eigenen Persönlichkeit und der bedingungslosen Akzeptanz aller Anteile im Inneren und der äußerlichen (willentlich beeinflussbaren) Ausprägung. Selbsterkenntnis als Bewußtheitsprozess hilft, zur eigenen Identität zu finden. Ob das Hauptaugenmerk dabei eher beim Außen oder beim Inneren liegt oder irgendwie von beidem Etwas in der Mitte bleibt jedem selbst überlassen – ganz nach den eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen.